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3. Februar 2009
Wo soll ich anfangen, wie soll ich das alles hier beschreiben? Es ist einfach so viel in den letzten fünf Monaten passiert, die ich bereits hier bin.
Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass es das Richtige war, mein Jahr hier in den USA zu verbringen, auch wenn mir jeder einreden wollte, dass es doch das selbe sei wie zu Hause und ich mir doch lieber ein aufregenderes, völlig anderes Land aussuchen sollte. Und genau das habe ich gemacht! Für mich haben die USA und Deutschland nur sehr wenig miteinander gemein. Ganz offensichtlich ist die Sprache ja nicht die gleiche. Aber für mich macht die Kultur noch den größeren Unterschied aus. Sie taucht alles in ein neues Licht aber manchmal bewirkt sie auch, dass es nicht immer einfach ist, hier zu bestehen.
Die Zeit vergeht wirklich schneller als im Flug. Gestern erst wurde ich von meinen Gasteltern abgeholt. Habe zum ersten Mal mein neues Zuhause, mein neues Zimmer mit den kahlen Wänden und dem leerem Schrank gesehen und zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Hund Charlie Brown gemacht. Es war Sommer, alles war neu und aufregend und ich war die meiste Zeit sehr verwirrt…
Und heute, ja heute ist Winter. Ich habe realisiert, dass ich für ein Jahr hier lebe und die Verwirrtheit ist zum größten Teil verschwunden, obwohl immer noch vieles neu ist, eben gewöhnungsbedürftig.
Wie schon gesagt, bin ich im Sommer des letzten Jahres in Milton, einem kleinen Dorf in der Nähe der Hauptstadt von Wisconsin, angekommen. Ich nahm noch in Deutschland Kontakt zu meiner Gastfamilie auf und hatte mich deshalb bereits im Voraus damit angefreundet in einem Dorf zu leben. In Deutschland wohne ich in einem noch kleineren Dorf, das keine weiterführende Schule besitzt. Die habe ich hier und dass macht vieles leichter für mich, da ich zum Beispiel keinen langen Schulweg mehr habe und alle meine Freunde in der Nähe wohnen. Ich wusste auch schon, dass ich keine Gastgeschwister habe, konnte das allerdings nicht einschätzen, weil zu Hause gleich drei sind. Es gibt Gutes und Schlechtes daran, keine Gastgeschwister anzutreffen. Am Anfang war es eher schwer, da meine Gasteltern arbeiten mussten, ich noch Ferien hatte und dann den ganzen Tag alleine in diesem riesigen Haus saß.
Die Lösung war: „Ich muss aktiver werden“! Aber wie? Ich kannte ja niemand und auch meine Gasteltern sind nicht wirklich in die Gemeinde eingebunden. Da kam mir der Termin in meiner neuen Highschool sehr gelegen. Ich habe mich, nachdem ich zu einem Junior ernannt war und all meine Senior-Fächer gewählt hatte, für Volleyball entschieden.
Ich wusste von meiner Organisation her, dass Schulsport genau die richtige Gelegenheit wäre, Leute in meinem Alter kennen zu lernen. Da ich noch nie Sport getrieben und die Erfahrungen mit dem Sport, die ich in Deutschland gesammelt habe, in Amerika nicht wirklich weiter helfen, hat mich mein erstes Training, beschreiben wir es mal so, etwas verstört. Der Sportsgeist ist in diesem Land einfach völlig anders definiert. Mein Eindruck ist, dass ihn hier jeder viel ernster nimmt. Gewinnen ist alles. Ich hab dann schnell erkannt, dass Volleyball nichts für mich ist und entschied mich schließlich für Cross Country. Das ist der perfekte Sport, um viele Leute kennen zu lernen, da es keine Beschränkung in der Zahl der Mitglieder gibt.
Cross Country ist im Grunde einfach nur rennen - und zwar die ganze Zeit und ohne irgendeinen offensichtlichen Grund. Das Beste an dem Ganzen ist, endlich im Ziel zu sein und zu wissen, dass man es geschafft hat, auch wenn man nicht den ersten Platz belegt. Ich hatte wirklich ein tolles Team, das mir den Start in einer neuen Schule sehr vereinfachte. In meiner ersten Schulwoche zum Beispiel war es mehr als nur hilfreich, ein paar bekannte Gesichter zu sehen. Ich war nämlich anfangs so ziemlich im amerikanischen Schulalltag verloren: Locker (Schließfächer, Spint ), Hallways (die Flure in der Schule) und Lunch machten für mich einfach keinen Sinn.
Schule in Amerika ist das totale Gegenteil zu der in Deutschland und ich muss ehrlicherweise gestehen, dass ich das Schulsystem noch nicht völlig durchschaut habe.
An amerikanischen Schulen haben Schüler und Lehrer ein viel freundschaftlicheres Verhältnis miteinander, als ich es von Deutschland gewöhnt bin. Das liegt vielleicht daran, dass jeder Lehrer sein eigenes Klassenzimmer hat und die Schüler hier von Raum zu Raum wechseln müssen. Es macht aber auch einen großen Unterschied, wenn man keine formelle Anrede benutzt. Ich bin ziemlich beeindruckt von der Vielfalt an Fächern, die meine Schule anbietet. Ich nehme zum Beispiel Kunstunterricht, den ich in seiner Ausgestaltung so nie in Deutschland erhielt. Die Möglichkeiten sind hier einfach zahlreicher, da die Schulen so gut ausgestattet sind.
Langsam ging der Sommer zu Ende und jedes Mal, wenn ich morgens die Schule sah, realisierte ich allmählich, dass ich hier für ein ganzes Jahr leben werde.
Der Herbst war begraben unter Hausaufgaben, lernen, Cross Country und einer neuen Kultur. Mein Englisch wurde immer besser und ich verstand jetzt schon fast alles. Doch Schule und Cross Country nahmen mich sehr in Anspruch. Ich hatte so viele Hausaufgaben wie schon seit Jahren nicht mehr und ich hatte Probleme sie in der vorgeschriebenen Zeit fertig zu stellen; zusätzlich das Cross Country-Training, das meine Tage zu all dem noch zu halbieren schien. Vier bis sechs Meilen jeden Tag nach der Schule zusätzlich zu dem ganzen Schulstress. Für mich war es - und manchmal ist es dies noch heute - ein Rätsel, wie die Amerikaner ihren Alltag meistern. Das ist einfach mehr als ein normaler Mensch schaffen kann. Cross Country-Meets (Wettkämpfe) hatte ich meistens am Wochenende und deshalb fehlten mir diese Tage, um Stoff aufzuholen oder einfach einen Moment durchzuatmen.
Wie schon gesagt wird hier Sport in anderer Weise betrieben, genauso wird auch angefeuert. Anfeuern ist hier so etwas wie ein eigener Sport. Wenn man dies das erste Mal live miterlebt und nicht daran gewohnt ist, kann es unangenehm sein, aber über längere Zeit hilft es wirklich dran zu bleiben.
Weil die Tage so voll gestopft waren, blieb leider nicht viel Zeit, um die Beziehung zu meinen Gasteltern zu vertiefen. Wir hatten zwar das Ende der Sommerferien gemeinsam, als aber für mich die Schule anfing, lebten wir die ersten Wochen aneinander vorbei. Dazu kommt, hier sind Eltern und Kinder sehr unabhängig voneinander. Die Eltern arbeiten, die Kinder gehen in die Schule und machen Sport oder haben andere Hobbies. Da bleibt nicht viel Zeit für das gemeinsame Abendessen oder ähnliches.
Ich bin es von Deutschland gewohnt meine Zimmertür zu schließen. Das bedeutet aber in Amerika, dass man unter keinen Umständen gestört werden will. Da ich aber nicht nur nach Amerika gekommen bin um Englisch zu lernen und neue Freunde zu finden, sondern auch um Teil einer Familie zu werden, um so die Kultur besser zu erfahren, musste sich etwas ändern.
Also habe ich mich mit meinen Gasteltern zusammengesetzt und darüber geredet. Seit dem essen wir jeden Abend miteinander und verbringen auch am Wochenende viel mehr Zeit miteinander. Ich hätte nie erwartet, dass ich mich in meiner Gastfamilie so wohl fühlen kann. Ich gewöhne mich jetzt auch langsam an den Hund, ich muss dazu sagen, dass er riesig ist und immer überdreht.
Freunde zu finden war in dieser Zeit nicht immer einfach. Natürlich lernte ich viele Leute kennen, hatte aber nicht das Gefühl echte Freunde gefunden zu haben. Hier ist man zwar schnell mit jemanden befreundet, dass bedeutet aber oft nicht viel.
Inzwischen wurde es langsam Winter, ein sehr, sehr kalter Winter mit viel Schnee. Ich habe herausgefunden, dass der Winter hier bis März dauert. Da mag ich doch den grauen Winter in Deutschland lieber. Weiße Weihnachten und Snow-Days, Tage an denen die Schule geschlossen ist, weil es zu stark schneit, sind allerdings Sachen an die ich mich gewöhnen könnte. Die Saison für Cross Country war schon mit dem Ende des Herbstes vorbei und ich musste mir jetzt langsam etwas Neues für die Zeit nach/neben der Schule suchen. Das ist immer ein guter Weg neue Leute kennen zu lernen. Ich entschied mich für Forensic (Debattierwettbewerb). Man bereitet eine Rede vor und fährt, wie beim Sport, an andere Schulen, um gegeneinander anzutreten.
Weil das nur einmal die Woche stattfindet, habe ich zusätzlich noch für das Theaterstück in der Schule vorgesprochen und ganz unerwartet eine Rolle bekommen. Das hatte ich wirklich nie erwartet und deshalb mir auch nicht die Mühe gemacht, auf den Aushang zu schauen. Ich wurde dann von einer Freundin darüber informiert und konnte es wirklich zunächst nicht glauben. Die Proben für beides fangen aber erst nach den Prüfungen zum Semesterschluss an.
Dann kam Weihnachten und ich hatte wirklich erwartet Heimweh zu bekommen. Auf meinen Vorbereitungstreffen wurde das immer als die schwerste Zeit beschrieben. Aber es blieb -Gott sei dank- aus. Natürlich vermisse ich meine Familie und Deutschland aber mir geht es hier gut und dann denkt man nicht so oft daran. Dafür hatte ich einen wirklich schönen Heiligabend mit meinen Gasteltern, die ganz europäisch die Geschenke schon am 24. Dezember öffnen. Ich habe jetzt endlich auch einen Stocking (Weihnachtssocke).
Wenn man darüber nachdenkt, ist meine Familie, keine „typische“ amerikanische Familie: vegetarisch, sehr ironisch, trotz strengem Glauben sehr offen, kurz - das genaue Gegenteil von dem, worauf mich Afs vorbereitet hat, oder was man von Amerika erwartet. Aber was ist schon typisch. Ich denke jedenfalls nicht, dass meine Erfahrungen nicht amerikanisch genug seien werden. Nach dem Jahr werden wir alle sicher ein völlig anderes Verständnis von unserem Gastland haben.
Für meinen Geburtstag organisierten meine Gasteltern eine Überraschungsparty und das hat mich wirklich total umgehauen. Ich hatte nichts, aber auch wirklich gar nichts, davon mitbekommen, auch wenn die Liste mit den Leuten die kommen sollten im Esszimmer rumlag.
Inzwischen habe ich auch Freunde gefunden, die so wie ich sind. Ich hatte am Anfang Probleme Leute zu finden bei denen ich mich wohl fühle und mit denen ich Spaß haben kann. Es liegt sehr viel an einem selbst. Wenn man nur dasitzt und wartet, dass alles von alleine passiert, bleibt man die ganze Zeit nur die Austauschschülerin.
Jetzt ist schon die Hälfte meiner Zeit in den USA vorbei und ich kann mir nicht vorstellen, schon in fünf Monaten zu gehen. Ich bin doch gerade erst richtig hier angekommen…Eben beginnt es wieder zu schneien. Ich sitze in meinem Zimmer - mit offener Tür - und es gibt eine kleine Chance auf einen Snow-Day morgen.
Mittwoch, 10. September 2008
hey,
Ich bin jetzt schon seit 4 Wochen in meiner Gastfamilie und die Zeit vergeht hier wirklich wie im Flug. Am Anfang konnte ich mich noch ein bisschen von meiner Reise in die USA erholen, aber schon nach ein paar Tage hatte ich die ersten Termine in der Schule . Seit dem trainiere ich jetzt auch schon taeglich fuer cross country (macht sehr viel spass ist aber auch sehr anstrengend).
Obwohl meine Gasteltern wirklich toll sind und ich meine Zeit gerne mit ihnen verbringe, hab ich mich wirklich auf die Schule hier gefreut. Seit einer Woche geh ich jetzt hier zu Schule und ueberraschender Weise hab ich mich gut zurecht gefunden (trotz fehlender Gastgeschwister). Meine Gasteltern haben, wie wie gesagt keine Kinder also ist fuer sie alles genauso neu wie fuer mich. Ich glaube es wird nicht leicht fuer mich zu all diesen leuten durchzudringen und richtg gute Freunde zu finden (ich meine Leute, die nicht nur nett sind, sondern sich auch wirklich fuer dich interessieren).
So weit geht es mir hier aber richtig gut und ich merke auch langsam, dass alles nach und nach etwas einfacher wird.
Bis dann und ganz liebe Gruesse aus den USA!